Projekt: Praxisfelder der Gesundheitspädagogik
 
2.1 Gesundheitserziehung und affine Begriffe

Die Verwendung der Termini ´Gesundheitserziehung´, ´Gesundheitsbildung´, ´Gesundheitsaufklärung´, ´Gesundheitsberatung´, ´Gesundheitsförderung´ und zum Teil auch des Terminus ´Prävention´ erfolgt sehr oft nebeneinander, ohne daß eine klare begriffliche Abgrenzung erkennbar ist. Der gemeinsame Nenner ist nach Laaser/Hurrelmann/Wolters (1993) das Verständnis, daß hiermit Aktivitäten von Personen und Institutionen zu bezeichnen sind, die auf die Verhütung von Krankheit und die Förderung von Gesundheit gerichtet sind.

Darüber hinaus nehmen die o.g. Autoren folgende begriffliche Akzentuierungen vor: Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung seien auf Aktivitäten bezogen, die vor allem in Familien und in Erziehungseinrichtungen abliefen, um über Wissensvermittlung und pädagogische Kontakte Einstellungen, Kompetenzen und Fertigkeiten zu vermitteln, die der Selbstentfaltung dienten und das gesundheitsbewußte Verhalten eines Menschen förderten, während Gesundheitsberatung und Gesundheitsaufklärung alle Aktivitäten im öffentlichen Raum umfaßten, die sich an Einzelpersonen oder an ein breites Publikum mit dem Ziel richteten, über Informationsvermittlung und Entscheidungshilfe Einstellungen zu verändern und Verhaltensweisen zu beeinflussen. Gesundheitsförderung bezeichne zusammenfassend die vorbeugenden, präventiven Zugänge zu allen Aktivitäten und Maßnahmen, die die Lebensqualität von Menschen beeinflußten, wobei hygienische, medizinische, psychische, psychiatrische, kulturelle, soziale und ökologische Aspekte vertreten sein könnten und verhältnis- ebenso wie verhaltensbezogene Dimensionen berücksichtigt würden.

Prinzipiell werden hier die verschiedenen Begriffe als ´Aktivitäten´ rubriziert, worauf weiter unten noch näher eingegangen wird.

In ähnlicher Weise differenziert Waller (1995, S.178 u. 185) diese Begriffe. Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsberatung seien verwandte Methoden und ließen sich deshalb gemeinsam darstellen. In beiden Fällen handele es sich um Methoden der Informationsvermittlung, entweder - im Falle der Aufklärung – mit Hilfe von Massenmedien oder – im Falle der Beratung – durch ein Gespräch. Gesundheitserziehung finde in Einrichtungen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen statt (d.h. im Elternhaus, im Kindergarten sowie in außerschulischen pädagogischen Einrichtungen); Gesundheitsbildung richte sich primär an Erwachsene und finde in Einrichtungen der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Familienbildungsstätten etc.) statt.

Waller sieht also in diesen Begriffen ´Methoden´, während ´Gesundheitsförderung´ und ´Prävention´ für ihn unterschiedliche ´Strategien´ charakterisieren.

Blättner (1997) macht dagegen einen Paradigmenwechsel von der Gesundheitsaufklärung und –erziehung zur Gesundheitsbildung und –förderung aus: "Gesundheitsaufklärung meint die (meist massenmediale) Vermittlung von Informationen über Gesundheit; Gesundheitserziehung bezieht sich auf Programme zur Verhaltensänderung, meist bei Kindern und Jugendlichen (beide arbeiten nach dem Risikofaktorenkonzept). Gesundheitsförderung ist ein Sammelbegriff für alle nicht-therapeutischen, gesundheitsbezogenen Interventionen. Im engen Sinn meint sie Verhältnisprävention im Setting-Ansatz und eine Orientierung an den Ideen der Ottawa-Charta für Gesundheit (1986). Gesundheitsbildung bezieht sich auf Kompetenzstärkung bei Erwachsenen" (S. 119).

Sabo (1996b) führt unter Bezugnahme auf die historische Entwicklung aus, daß Ende der 1950er Jahre der Terminus ´Gesundheitserziehung´ den in Deutschland bis dahin gebräuchlichen Begriff der ´gesundheitlichen Volksbelehrung´ abgelöst habe. In den 1970er Jahren definierte die WHO Gesundheitserziehung wie folgt:

"Gesamtheit der wissenschaftlich begründeten Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen, die über die Beeinflussung des individuellen und kollektiven Verhaltens des Menschen zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung seiner Gesundheit beiträgt, in ihm die Verantwortung für seine eigene Gesundheit festigt und ihn befähigt, aktiv an der Gestaltung der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt teilzunehmen" (WHO, zitiert in Sabo 1996b, S. 38). Bezüglich der WHO-Definition von Gesundheitserziehung ist die Charakterisierung der Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen auffällig sowie das einbezogene Kriterium der wissenschaftlichen Begründung der Maßnahmen. Im Widerspruch zu der von Sabo zum Verständnis von ´Gesundheitserziehung´ angeführten WHO-Definition, die auch Maßnahmen der Gesundheitsbildung mit einschließt, stehen seine Ausführungen zum Begriff der ´Gesundheitsbildung´, die "den Gesundheitsförderungsansatz in der organisierten Erwachsenenbildung" bezeichne und sich durch freiwillige Teilnahme sowie teilnehmerzentriertes und soziales Lernen von der Gesundheitserziehung unterscheide (Sabo 1996a, S. 36).

Dagegen heißt es in dem 1998 von der WHO herausgegebenen ´Glossar Gesundheitsförderung´ (WHO 1998, S.5): "Gesundheitsbildung/Gesundheitserziehung umfaßt bewußt gestaltete Lernmöglichkeiten, die gewisse Formen der Kommunikation einschließen und zur Verbesserung der Gesundheitsalphabetisierung (health literacy) entwickelt wurden; letztere schließt die Erweiterung von Wissen und die Entwicklung von Alltagskompetenzen (life skills) ein, die individueller und kollektiver Gesundheit förderlich sind". Weiter wird dazu ausgeführt, daß Gesundheitsbildung bzw. –erziehung sich nicht nur mit der Verbreitung von Informationen, sondern auch mit der zur Gesundheitsverbesserung notwendigen Stärkung von Motivationen, Kompetenzen und Vertrauen (Selbstwirksamkeit) befasse.
 

Der Begriff der ´Gesundheitsförderung´ ist in erster Linie durch die WHO-Ottawa-Charta von 1986 definiert: "Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen".
 

Aus den dargestellten Zugängen zur Bestimmung der im Sinne der Gesundheitspädagogik relevanten Begriffe ist die vorherrschende Begriffsvielfalt und häufig auch –beliebigkeit deutlich geworden. Von Troschke (1993) weist auf einen weiteren Zugang zur Wahl bestimmter Termini hin, der darin begründet sei, daß in unserem historisch gewachsenen Gesundheitssystem Begriffe mit Zuständigkeiten assoziiert würden. In diesem Kontext verwundere es nicht, daß jede Organisation ihre Bezeichnung mit einem möglichst großen und umfassenden Handlungsfeld verbinden wolle.

Abschließend kann die substantielle Bestimmung der verschiedenen Begriffe durch unterschiedliche Autoren dargestellt werden: Laaser, Hurrelmann und Wolters (1993) bezeichnen Gesundheitserziehung, -bildung, -aufklärung, -beratung und –förderung als Aktivitäten, während Waller (1995) Gesundheitserziehung, -bildung, -aufklärung und –beratung als Methoden sowie Gesundheitsförderung und Prävention als Strategien bezeichnet. Blättner (1997) kennzeichnet Gesundheitserziehung als Programm, Gesundheitsförderung als verhältnispräventive Intervention und Gesundheitsbildung als Kompetenzstärkung. Die WHO (1986) charakterisiert Gesundheitsförderung als einen Prozeß, zu deren Verwirklichung Handlungsstrategien erforderlich sind und faßt in einer früheren Definition von Gesundheitserziehung (zit. in Sabo 1996a) Maßnahmen der Erziehung und Bildung zur Beeinflussung gesundheitsrelevanten Verhaltens in dem Terminus ´Gesundheitserziehung´ zusammen.

Nur zum Teil erfolgt also eine kategoriale Bewertung der verschiedenen Begriffe, so z.B. bei Waller (1995), wobei jedoch die Reduktion von Gesundheitserziehung oder –bildung auf eine bloße Methode ebenfalls unbefriedigend bleibt. Die Begründung für die Ablehnung des einen oder Verwendung des anderen Begriffes erfolgt nicht selten nur durch Bezugnahme auf negative oder positive Assoziationen: "Schon der Begriff er-ziehen vermittelt die Assoziationen an er-leiden, er-dulden oder er-geben. Es geht in jedem Fall um die passive Hinnahme einer bestimmten vorgegebenen Situation" (Thiele 1987, S. 492).

Als Ansatzpunkt für das diesem Projekt zugrunde gelegte Begriffsverständnis soll auf die oben zitierten Definitionen der WHO von ´Gesundheitserziehung´ in den 70er Jahren sowie von ´Gesundheitsbildung/Gesundheitserziehung´ aus 1998 zurückgegriffen werden, die ´Gesundheitserziehung´ zusammengefaßt im wesentlichen als die wissenschaftlich begründeten Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen zur Beeinflussung des individuellen und kollektiven gesundheitsrelevanten Verhaltens charakterisieren (WHO-Definition, zitiert in Sabo 1996b), auf eine Unterscheidung der Termini ´Erziehung´ und ´Bildung´ verzichten und die Stärkung von Motivation und die Kompetenzentwicklung als Gegenstandsbereiche betonen (WHO 1998).

Diese Definitionen erlauben es zum einen, die Gesundheitspädagogik als eine wissenschaftliche Teildisziplin anzusehen, die Begründungen der Maßnahmen zur Beeinflussung des gesundheitsrelevanten Verhaltens liefern kann. Zum anderen lassen sich auch die Termini ´Gesundheitsaufklärung´ und ´-beratung´ hierunter subsumieren, da auch sie eine Beeinflussung gesundheitsrelevanten Verhaltens intendieren und u.a. einer pädagogischen Begründung bedürfen. Der Begriff der Gesundheitsförderung kann dann als Programmatik oder Leitidee bezüglich der mit Gesundheitserziehung verbundenen Zielkategorien eingestuft werden, nicht jedoch als Maßnahme, Methode oder Aktivität an sich.
 
 


 
 
 
 


 

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